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VORWORT
D.
'ie Graphik ist in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung die Kunst der Linie, die im Laufe der Jahrhunderte mit verschiedenartigen Techniken allen Erscheinungen des Welterlebens nachspürt, und zwar von der formstrengen oder freiumspielenden Umrißbezeichnurig des Gegenständlichen in momentanen Studien und Ideenskizzen über die plastisdie Vergegenwäriigung in Lidit und Luft bis zur gegenstandslosen Intuition. Aber neben dieser linearen Bestimmtheit oder Freizügigkeit der Feder, des Stichels oder Stiftes ist die Graphik im erweiterten Wortsinn auch die Kunst des flächigen Tönens, der leichten Wasserfarben, der Tuschen und weichen Farbkreiden. Sie läßt die unmittelbaren Schaffensimpulse und die schöpferische Formphantasie in ihrem ganzen Ausdrucksreiditum zwisdien feinfühliger Nadiempfindung und spannungsvollem Kraftgefühl augenfälliger als in der Malerei nacherleben. Und ebenso sinnfällig wie in der Malerei, oft noch eingängiger, läßt sich in der Graphik verfolgen, weldie Tediniken man zum jeweils angemessenen Ausdruck des sich in der Folge der Generationen und Jahrhunderte ständig bereichernden Weltverhältnisses bevorzugt oder neu entwickelt.
Dennoch ist dieser so vielfältig anziehende Reichtum der Graphiksammlungen, verglichen mit den Gemäldegalerien, wenn auch ebenso öffentlich wie sie, nur einem begrenzten Kreis vertraut. Denn die Graphik ist der Kammermusik vergleichbar. Sie ist nicht auf raumbeherrschende Wirkung, sondern mit allen Feinheiten der Stimmführung und der Tonqualitäten auf intime Nähe instrumentiert. Kennzeichnend für die Graphiksammlung ist daher auch nicht die weiträumige Bilderwand, sondern das „Kabinett", wie es als fürstlidie Sammlung hieß und oft heute noch heißt - also der stille Studiensaal, in dem man die in Mappen gehüteten Kostbarkeiten Blatt für Blatt aus unmittelbarer Nähe in allen Feinheiten betrachten kann.
Diese Blätter, sdion vom Papiergrund her lichtempfindlich, sind im Gegensatz zu den Gemälden der Galerien, obgleich sie ihnen gleichrangig sind, in Ausstellungen nur selten oder kurzfristig zu sehen. Und doch sind auch die bedeutenden Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen und Lithographien weithin zum geistigen Allgemeinbesitz geworden, und zwar einerseits, weil von den Originalabzügen mehrere oder viele Exemplare erhalten blieben, und andererseits, weil sie sich, wie auch die Zeichnungen, verhältnismäßig einfadi reproduzieren lassen. Weniger bekannt ist die farbige Graphik. Sie wird, obwohl der Sinn für koloristische Werte heute besonders geschärft ist, verglichen mit den Gemälden in weitaus geringerem Umfang reproduziert.
Aus der Absicht nun, den Blick so umfassend, wie es ein Einzelband erlaubt, auf die Schätze der Graphiksammlungen und insbesondere auf die farbige Graphik zu lenken, ist dieses Werk entstanden. Es gibt zum erstenmal in zusammenhängender Folge einen Überblick über die großen Öffentlichen Graphiksammlungen der Welt, ihre Entwicklung und ihre Bestände. Die Auswahl ergab sich, nachdem über den Rang der bedeutendsten Sammlungen rasch Einmütigkeit erzielt war, in zahlreichen Einzelgesprächen mit den Leitern der europäischen Sammlungen und blieb schließlich, wie der Kenner sieht, eine Ermessensfrage, die am Ende allein von der gebotenen Umfangsbegrenzung her zu entscheiden war.
Die Auswahl der Blätter selbst ist gleichfalls das Ergebnis eines Gedankenaustausches mit den Leitern der Sammlungen oder ihrer Vertreter. Während sie in ihren Einleitungen den erwünschten Überblick: über den Umfang, die Schwerpunkte mit ihren Besonderheiten und über die Bedeutung der