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VORWORT
Was auch immer das Urteil der Zukunft über Salvador Dali sein wird, es kann nicht bestritten werden, daß er einen ganz eigenen Platz in der Geschichte der modernen Kunst einnimmt. Sein Ruhm war Gegenstand häufiger Kontroversen; er wird genauso von Dalis eigenem provokanten Exhibitionismus gefördert wie von Kritikern und öffentlicher Meinung, die ihn so oft wegen seiner Exzesse verurteilt haben; ,neurotisch', ,egozentrisch', »verrückt', das sind Wörter, die nicht gerade selten fallen, wenn man über ihn spricht. Über die Jahre hin ist er so eng mit dem Surrealismus identifiziert worden, daß man getrost behaupten kann: in der öffentlichen Meinung sind Surrealismus und Dali eins. Wer die Mechanismen der Öffentlichkeit kennt, hat wohl etwas Verständnis für diesen verbreiteten Irrtum.
Worin auch immer sein Einfluß auf die Kunst des 20. Jahrhunderts bestanden hat, nur wenige werden das Gewicht seines Beitrags bestreiten. Er dürfte so bedeutend wie der seines berühmten Landsmanns Picasso sein. Dali selbst sagte einmal: „Picasso ist vielleicht kein so großer Maler, dafür ist er das zerstörerischste Genie der modernen Zeit." Die enthüllende Kraft seiner Bildsprache zwischen 1929 und 1939 ist in unserem Zeitalter an Potenz nicht überboten worden, was es aber um so schwieriger macht, ihren ästhetischen Wert richtig einzuschätzen. Seit früher Kindheit war er von ungewöhnlicher Vorstellungsgabe, eigensüchtig mit seinen Vergnügungen beschäftigt, zynisch entblößte er seine Kühnheit und perverse Gewalt, deren intime Details er uns in seinen Memoiren nicht vorenthalten hat. In seinem Buch Surrealismus beschreibt ihn Julian Levy als „einen Mann mit dem Stigma der spanischen Inquisition und den sexuellen Ekstasen der spanischen Mystiker ". Wir müssen den Symbolgehalt seiner Bilder nur etwas genauer wahrnehmen, um seine Verbundenheit mit dem spanischen Erbe zu entdecken.
Wenn wir das Problem richtig formuliert haben, war Dali, obgleich nicht der einzige Surrealist (das Surrealistische Manifest erschien 1924, etwa fünf Jahre vor Dalis Auftritt), vermutlich doch der erste, der beharrlich die Entdeckungen Freuds und der Psychoanalyse verfolgte und für sich das Recht eines Menschen auf seine eigene Verrücktheit in Anspruch nahm. Seine Entwicklung der „paranoisch-kritischen" Methode, die dann so exzessiv alle Aspekte seines Denkens bestimmt hat, war einer der wirklich revolutionären Beiträge zum Surrealismus; sie prägte den einzigartigen Charakter seines Werks und die Richtung seiner Ent-
Abb. 1
Brennende Giraffe 1936-37 Öl auf Holz 35x27 cm
Kunstmuseum, Basel
Bis 1934 vollzog sich Dalis Wechsel seiner Technik der „handgemachten Fotografie" mit ihren scharf definierten Farbflächen zu einem mehr ästhetischen Gebrauch der Farbe und einer lyrischeren Behandlung der Form.