Bővebb ismertető
|eTite begreift man es kaum, daß Bizets „Carmen", die Oper, die sich im Siegeslauf die ganze musikalisclie Welt erobern, sollte, bei ihrer Erstaufführung in der Pariser Opéra comique, am 3. März 1875, trotz einer Glanzleistung der Galli-Marié in der Titelrolle und einer Inszenierung, die nicht das G-eringste zu wünschen übrig Heß, nur eine kühle Aufnahme fand, auch bei den Wiederholungen nicht glücklicher war und schließlich nach fünfzig Vorstellungen wegen mangelnden Interesses definitiv vom Repertoire abgesetzt wurde. Nachdem aber einmal Paris' gesprochen hatte, war das Schicksal der Oper zugleich für das ganze übrige Frankreich entschieden, denn hier ist für den Künstler und für das Publikum überhaupt nur ein Erfolg maßgebend, der Pariser. Der Meister sollte die Sensation, die sein Werk im Ausland machte, nicht mehr erleben. Er starb drei Monate nach der Aufführung in der Nacht vom zweiten auf den dritten Juni — der dritte Juni war sein. Hochzeitstag — im noch nicht vollendeten 37sten Lebensjahre.
Es war das Neue, was die Pariser gegen Carmen stimmte. Eine Komödie mit blutigem Ausgang und einer so fragwürdigen Titelheldin, das war in der Tat dem Publikum der Komischen Oper noch nicht geboten worden. Man begriff es gar nicht, daß zwei so bühnengewandte Librettisten, wie H. Meilhac und L. Halévy, solch einen Stoff hatten auf die Bühne bringen können.*) Dazu eine Musik, die nur gelegentlich einmal der Muse, die sonst hier das Szepter schwang, ein Kompliment machte, eine Musik, die viel zu aktiv in die Handlung eingriff und sich nicht darauf beschränkte, nur Begleitung zu sein, sondern Anspruch erhob, auch an sich gehört zu werden.
Das Ausland war hinsichtlich des Textes weniger skrupulös; es übersah über dér allgemeinen Lebenswahrheit des Inhaltes das Bedenkliche des Stoffes. War denn nicht die Q-eschichte von dem Soldaten, der um einer unseligen Leidenschaft willen von Stufe zu Stufe sinkt, um schließlich zum Verbrecher zu werden, ein Drama aus dem Leben, das Tinter anderen begleitenden Nebenumständen täglich passieren konnte? Verglich man aber das Libretto mit der gleichnamigen Novelle P. Merimées, die der Oper als Vorlage gedient hatte, so mußte anerkannt werden, daß die Librettisten mit feinem Takt die Q-efahren des heiklen Themas umgangen — die Carmenfigur Merimées wäre auf der Bühne unmöglich gewesen — und mit großem Geschick aus dem spröden, doch mehr nur psychologisch interessanten Stoff ein fesselndes, hochdramatisches Bühnenstück geschaffen hatten. Über Bizets Musik gab es keine Meinungsverschiedenheit. Man erblickte in ihr mit Recht das Werk eines Meisters, der es nicht nur heilig ernst mit seiner Kunst nahm, sondern auch seinen Stoff zu gestalten wußte.
*) Die auf den Bühnen tibliolie deutsche Übersetzung, die auch unserem Klayierauszug zu Grunde liegt, stammt von D. Louis her, Pseudonym für Julius Hopp t 1886.
8750