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VORWORT
Im Jahre 1625 gab Heinrich Schütz seine „Cantiones sacrae" heraus. In der Reihe der vom Komponisten selbst gezählten Veröffentlichungen gilt die Sammlung der 40 lateinischen Motetten als opus 4. Vier Jahre später - inzwischen war der Becker-Psalter op. 5 erschienen ~ veröffentlidite Sdiütz als Frucht seines zweiten Aufenthaltes in Venedig den 1. Teil seiner „Symphoniae sacrae", der als op. 6 zählt, aber auf dem Titelblatt vom Komponisten als sein „opus eccieslasticum secundum" bezeichnet wird. Diese Zählung erfolgt bei der in Italien am Entstehungsort erscheinenden Sammlung von 10 lateinisch textierten Konzerten wohl im Gedanken an die Interessenten der „lateinischen Kirche". Das opus primum, bei dem Schütz aus Gründen der Sprache mit einem überkonfessionellen Gebrauch rechnete, wäre dann in den „Cantiones sacrae" zu sehen.
Die „Cantiones sacrae" sind laut Titel für vier Stimmen cum Basso ad Organum bestimmt. Inhaltlich ist das Werk geprägt und seine Entstehung charakterisiert durch eine Reihe von Gegebenheiten und Motiven, die in einem Zusammenhang miteinander stehen.
Als Quelle für die Texte benutzte Schütz im wesentlichen ein schon fast sieben Jahrzehnte bewährtes und daher in vielen Auflagen und an verschiedenen Orten erschienenes Gebetbuch:
Precationes ex veteribus orthodoxis doctoribus ex ecclesiae hymnis et canticis ex psalmis denique Davidis coUectae et nunc recens recognitae et auctae per Andreám Musculum
Die erste Auflage dieses Gebetbuches war schon 1553 erschienen mit dem Titel „Precandi formuláé piae et selectae ex veterum ecclesiae sanctorum doctorum scriptis".
Autor war der lutherische Theologe Andreas Musculus, Professor und Generalsuperintendent in Frankfurt/ Oder (1514—1581). Seine Gebetsammlung war für den Privatgebrauch des Christen bestimmt. Sie bot die in der alten Kirche beliebten und verbreiteten Meditationen und Dichtungen der mittelalterlichen Theologen und Lehrer, soweit sie nicht der Dogmatik der Reformatoren widersprachen, von neuem den Anhängern der jungen Kirchen an. Durch die weite und anhaltende Verbreitung des Buches entstand so ein Gut religiöser Literatur, das auf beiden Seiten, bei den Anhängern der alten Kirche und den von der reformatorischen Lehre Erfaßten, rege gebraucht wurde — wenn auch zunächst nicht in der Öffentlichkeit des Gottesdienstes. Es war ein gemeinsamer Besitz, der auch in den Kämpfen der Gegenreformation erhalten bheb und Verbindung und Brücken schaffen konnte. —
Heinrich Schütz schrieb seine „Cantiones sacrae" in den ersten Jahren des aus Reformation und Gegenreformation hervorgegangenen Dreißigjährigen Krieges. Sein Landesherr, der Kurfürst von Sachsen', führte aber eine bei der lutherischen Tradition seines Landes unverständliche Neutralitätspolitik. Er schloß sich nicht den im Kampfe stehenden evangelischen Glaubensgenossen an, sondern war bedacht, die Verbindung mit dem katholischen Kaiserlichen Hofe nicht zu verlieren.
Um nun für sein neues opus ein größeres Absatzgebiet als das infolge seiner eigentümlichen Politik isolierte Sachsen zu gewinnen, mußte sich Schütz um Schutz und Empfehlung durch einen in weiteren Gebieten wirkenden Namen als Widmungsadresse bemühen.
Er fand diesen in dem Fürsten und Freiherrn Hans Ulrich von Eggenberg Dieser, aus protestantischem Hochadel der Steiermark stammend, im Dienst am Kaiserlichen Hof katholisch geworden, hatte einen großen Einfluß am Wiener Hof und durch den Wiener Hof. Schütz lernte ihn als musikinteressiert kennen, als er im Jahre 1617 bei einem Besuch des Kaisers Matthias in Dresden vor diesem und seinem Gefolge musizierte.
Hatte die Textquelle, das Gebetbuch des Musculus, der privaten Andacht des einzelnen Christen und nicht dem öffentlichen Gottesdienst dienen wollen, so entsprachen dem auch die Kompositionen durch Struktur, Klangapparat und Diktion der Musik wie auch durch die Widmung. Nicht für den großen Raum einer repräsentativen Kirche, nicht für den liturgisch geordneten Kirchendienst einer Hofkapelle schrieb Heinrich Schütz diese lateinischen Motetten, sondern als geistliche Kammermusik im anspruchs-
^ Die Titelseite der Cantus-Stimme trägt das Kursächsisdie Wappen, s. S. XXll.
® Sein Bildnis siehe Seite XXIV; sein Wappen ist auf der Basso-continuo-Stimme zu sehen, siehe Seite XXVI.
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