Bővebb ismertető
Wie der Leser aus dem Untertitel dieses Buches erfahren hat hált er eine Fotosammlung ungarischer Volksbrauche in der Hand. Hinzufügen mufc ich, daft es eine authentische und eine Lücke füllende Sammlung ist. In solcher Menge und in solcher Ordnung hat noch keiner die ungarischen Volksbrauche aufgezeichnet Volkslieder kann man niederschreiben und sie aus der Überlieferung in die Schriftlichkeit hinüberretten. Korniss tut ein Áhnliches mit den noch erhaltenen Sitten und Bráuchen, indem er sie nicht schriftlich, sondern bildlich festhált. Allerdings rasen auf seinen Bildern keine blauhemdigen Tschikosche auf wilden Pferden über die Heide, sinkt die Sonne nicht glutrot auf der theatral eingerichteten Pu&ta, wo die Hirten gerade über offenem Feuer ihr berühmtes ungarisches Gulasch kochen. Die Augen, die uns aus dem Gewühl der Hochzeiten, Begrábnisse und Tanzfeste heraus ansehen, sind keine falschen Perlen künstlich gestellter volkskundlicher Genrebilder. Echte Bilder von lebenden Volksbráuchen - anno 1975? Ist das ohne eine verspátete, unzeitgemáfce Schwármerei möglich ? Anders war es um die Jahrhundertwende, als Bartók und Kodály die schweren Stiefel anzogen, sich mit dem Phonographen beluden und aufbrachen, Volkslieder zu sammeln. Die Zivilisation klopfte máchtig an die Türen, das schreckte die verantwortungsbewu&ten Intellektuellen in Mittel- und Osteuropa auf, und sie begannen fieberhaft alles zu notieren und zu registrieren, was an überlieferter nationaler Kultur - wenn auch verdrángt und nahezu vergessen - noch aufzuspüren war. Es war die Zeit, als Entdeckung und rasches Retten zusammenfielen - ein historischer Augenblick. Wo gibt es eine der damaligen vergleichbare Chance, ein Fieber, eine Aufregung, eine Füllé wie damals? Die Verspátung besteht unleugbar. Geschlossene Gemeinschaften in Ungarn oder bei den Ungarn aufterhalb der Landesgrenzen, die die altén Gebráuche, die alte Ordnung von Hunderten von Jahren oder noch urtümlichere Symbole bewahren und praktizieren, mufc man heute mit der Lupe suchen. Nun stellt sich aber heraus, daft der ahnungsvolle Geist záher ist als die auf kalte Argumente und Einsichten gestützte Logik; und dieser Geist weifc oder ahnt es, daB, was einmal wertvoll war, auch in seinen Bruchstücken wertvoll bleibt. Und was nicht durch Vorhandensein wirken kann, wirkt dadurch, daR es fehlt. Verspátung ist übrigens ein zeitlicher Begriff, den eine andere Zeit unerwartet in einen Vorzug verwandeln kann. Wer hátte zum Beispiel geglaubt, dafc die von der europáischen Kultur in geradezu kosmischer Entfernung entstandenen Skulpturen von Mittelafrika plötzlich zu atmen beginnen ? Sie treten aus ihren Lehmhütten heraus und fesseln mit magischer Kraft einen zwischen Notre-Dame und dem Eiffelturm wandelnden Picasso. Wer hátte von den Höhlenmalereien des Urmenschen ein Gleiches vorausgesetzt? Und ein Áhnliches von der verschütteten Volksmusik, die die europáische Musik mit neuen Reizen und neuem Feuer erfüllt. Das Ausgeschiedene, das Unbeachtete wurde das Bestimmende und das zeitlich scheinbar lángst Verjáhrte eine Quelle der Erneuerung. Die Gründe sind gar nicht so rátselhaft, wie es bei so einer Herausstellung vom Extrémén den Anschein hat. Der Geist, der sich aus den Fallgruben der Zivilisation befreien möchte, stiefc in Selbstwehr auf die traditionelle Kultur jener Schichten, die aus der Zivilisation von jeher ausgeschlossen waren. Ausgeblieben oder ausgeschlossen ? Sicher ist, daB ein neuer, das zeitgerechte Universale suchender Geist seine Wurzeln nur in den Humus solcher Kulturen treiben konnte, in denen die Grundformen der Universalitát gewahrt geblieben waren, in denen das Sein: Geburt, Tod, Feuer, Wasser, Erde, Ahnenverehrung, Sonne, Mond, alles Wichtige seine Ordnung hatte. Grofce, zusammenfassende Künstler des 20. Jahrhunderts wie Bartók, Picasso, Henry Moore, Bráncusi, García Lorca und Chagall habén nicht nur neue Formen, neue Akzente oder eine neue Barbarei aus der Urkultur und dem Reichtum der Volkskulturen gewonnen, sondern eine neue Schöpfung. Sie habén in ihren Werken eine neue Welt erschaffen, die Vollstándigkeit des Lebens erfafct. In jeder geschlossenen Kultur ist diese Vollstándigkeit das Bestrickende. Sie wirkt in der Ordnung der Bráuche, der Kleidung, der Redensarten, in allén Einzelheiten der Glaubenswelt, im Tanz und im Denken an den Tod. Man schlage das Kapitel des Buches auf, in dem Korniss eine Sammlung von Trauer- und Begrábnisbildern vereinigt hat. Man sieht darunter Friedhoffotos, altgewordene Gráber mit götzenhaften Grabpfáhlen. Was habén diese Bilder, auf denen kein einziger Mensch zu sehen ist, mit den Volksbráuchen der Ungarn zu tun ? Kein Mensch, kein Tier, nur eine schweigende Hügellehne, aufragende Báume, wogende Gráser auf dem Totenacker. Hat all das keine Beziehung