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ERNST WENDT
MÖGLICHKEITEN, BRECHT ZU SPIELEN Ein Überblick
Die Notwendigkeit, die neue Dramatik richtig zu spielen - wichtiger fiir die Theater als ßir die Dramatik -, wird dadurch abgeschwächt, daß das Theater alles spielen kann: es »theatert« alles ein.
(Brecht 1931)
Die Gefahr ist: daß es auch ihn nun und seine gegen die herkömmliche Reproduktion von Kunst gerichteten Stücke eintheatert. Max Frisch hat, nicht von ungefähr, vor einiger Zeit einmal davon gesprochen, Brecht habe ja längst die »durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers« erreicht, sein Werk werde museal zelebriert, von fleißigen Interpreten zerredet und rücke also im Grunde in den Bereich jenes kulinarischen Theaters, das Brecht so gehaßt hat, das zu widerlegen und abzulösen sein erstes Ziel war.
Solche Überlegungen — Frisch war nicht der erste, der sie äußerte; doch hat er sie zu einem schlagkräftigen Bonmot zusammengerafft- verweisen, wenn sie nicht lediglich der Ausdruck einer Schadenfreude sind, zunächst auf ein merkwürdiges, freilich vom Theater nur zu oft bestätigtes Vorurteil: Klassiker — so lautet es — sind »unaktuell«, also wirkungslos, wir führen sie auf und schauen sie uns an der Bildung wegen, der Bepräsentation, kulinarischer Genüsse; sie sind uns als »Erbe« in den Schoß gefallen, sie fordern uns nicht heraus, sie verlangen nichts von uns. Im Gegenteil: in ihrer Fremdheit zu unserer alltäglichen Realität bestätigen sie diese geradezu.
Brechts Stücke sind nun zum größten Teil während ganz konkreter politischer Situationen geschrieben worden; sie sind — natürlich auf eiae vertracktere Weise als es der Begriff gewöhnlich kennzeichnet - »Tagesstücke«, zum Teil Kampfstücke, Aufforderungen zu politischer Aktion, Polemiken. »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«, unter anderem der Versuch, einen Konjunkturzyklus in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu beschreiben, konnte so nur während der Weltwirtschaftskrise am Ende der zwanziger Jahre entstehen. »Die Mutter«, Dramatisierung