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DIE ZEHNJÁHRIGE
I. 1526
Glutheifi ist der Sommer. Tannenhügel stehen dunkel und stumm, die Ebenen wogen korngolden und wiesen-grün, darüber Himmel in blauer Unendlichkeit und Sonne.
Barbara möchte ihre Arme weit ausbreiten und hoch-fliegen wie ein Vogel. Aber sie mufi auf dem harten Brett im Wagen hocken, sich durchrumpeln lassen und seit einer Stunde Streitigkeiten zwischen dem zehnjáhri-gen Hans Georg und der achtjáhrigen Margaretha schlichten. Jetzt pafit ihr das nicht mehr. Sie verteik nach rechts und links je eine Maulschelle, und auf Mut-ters erschrockenes „Aber Barbara!" verzieht sie den Mund zum Flunsch, ihre Finger zwirbeln das dünne Ende ihres Zopfes, denn ihr dunkles, lockiges Haar fügt sich nur ungern in straffe Flechten. Ihre grófién, fast schwarzen Augen schweifen anscheinend teilnahmslos über die Gesellschaft im Wagen. Wenn sie diese Miene aufsetzt, wagen sich die jüngeren Geschwister nicht an sie heran. Doch Mutter tadelt sie und verteidigt die jüngeren Geschwister. Wie immer.
Barbara betrachtet aufmerksam die Mutter auf dem Brett gegenüber. Deren Bauch ist unförmig dick, und sie hált ihre beiden Jüngsten, die dreijáhrige Ottilie und die sechsjáhrige Magdaléna, eng umschlungen. Barbaras Blick streift weiter zu dem folgenden Wagen voller Haus-