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EINLEITUNG
Wer lebende Wesen malen oder Skizzen von ihnen zeichnen möchte, muß über ihre Anatomie - ihre Gestalt und ihren Körperbau - sowie über die Gmndlagen der Morphologie (Formenlehre) genau Bescheid wissen.
Die Anatomie ist eine angewandte Wissenschaft und ein Fundament der schönen Künste. Das Studium der Körperstruktur ist für den Künstler unerläßlich. Skelett, Gelenke und Muskeln eines Lebewesens bestimmen ihre Proportionen und Bewegungen. Sinnesorgane wie Augen, Nase, Ohren und Mund sowie die Beschaffenheit der Haut, des Pelzes und der Klauen verieihen jedem Lebewesen seinen eigenen Charakter.
Jeder Künstler, der ein Lebewesen darstellen möchte, zeichnet zunächst die Umrisse seines Skeletts, um der Gestalt ein Gerüst zu geben. Dann fügt er die Muskeln hinzu und erhält die Grundform, die für die jeweilige Tierart typisch ist. Zuletzt bedeckt er die Gestalt mit einer Haut, so daß er ein Individuum mit einem bestimmten Gesichts- und Körperausdruck wiedergeben kann.
Alle großen Künstler - Michelangelo, Leonardo da Vinci, Raphael, Tizian, Dürer - hielten es für notwendig, Anatomie zu studieren, da anatomische und biologische Kenntnisse überaus wichtig sind, wenn es gilt, Modelle auszuwählen, die geeignete Pose zu finden, den Inhalt des Bildes festzulegen und das Bild mit Details zu vervollständigen. Dieses Wissen erweiteit zudem die Beobachtungsgabe des Künstlers, schärft seinen Blick und fördert seinen Sinn für die Form.
Dieses Buch ist eine praktische Hilfe beim Erwerb der notwendigen Kenntnisse. Es macht Sie mit der Anatomie des Menschen und einiger Tiere vertraut und zieht Vergleiche. Die Darstellung von Menschen und Tieren hat einige Gemeinsamkeiten; aber es gibt auch funktionelle und morphologische Unterschiede.
Zur einfacheren Handhabung des Buches folgt eine kurze Zusammenfassung der Gnmdlagen, die der Künstler benötigt. Da er auch die Knochen des Skeletts sowie die Muskeln und Gelenke genau kennen muß, werden diese Stmkturen und die dazugehörigen Organe genau beschrieben.
ONTOGENESE
Ontogenese nennt man die Entstehung und Entwicklung eines Individuums. Sie beginnt mit der Zeugung und endet mit dem Tod. Das unterschiedliche Entwicklungstempo verschiedener Organe Rihrt dazu, daß die Proportionen einiger Körperteile sich verändern. Da sich beispielsweise das Neivensystem früh und rasch entwik-kelt, hat ein neugeborener Mensch große Augen und einen großen Kopf, während der Rumpf und die Gliedmaßen kurz sind. Nach der Geburt entwickeln sich die Knochen der Glieder; sie werden zuerst länger, dann dicker Die Zahl der Muskelfasern ist festgelegt; doch ihre Länge und Dicke sowie ihre endgültige Form richten sich nach der Entwicklung der Knochen. Zuletzt nehmen die Geschlechtsorgane nach der Pubertät - gegen Ende der Wachstumsphase - ihre endgültige Gestalt und Größe an.
Seine Grundstellung nimmt ein erwachsener Organismus ein, wenn er stillsteht. Wenn wir die Proportionen der Körperteile verändern, gehen wir von dieser Position aus.