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Kongruenz von Sprache und Farbe
Der Maler der Bilder, die hier vorgestellt werden, ist Schriftsteller; und zwar Lyriker, Novellist, Romancier, Szenarist, Essayist. Aber ehe im Jahre 1950 sein erstes Buch veröffentlicht wurde, der Gedichtband „Wegschilder und Mauerinschriften", hatte Günter Kunert fünf Semester an der damaligen Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee studiert. Am Anfang seines literarischen Schaffens steht also die produktive Beschäftigung mit der bildenden Kunst; und sie hat die Entwicklung des Schriftstellers Kunert bis heute begleitet. Wer Gelegenheit hatte, ihn in seiner Wohnung am Treptower Park und jetzt in Berlin-Buch zu besuchen, fand ihn manchmal bei der Arbeit an einem Gemälde oder an graphischen Blättern. Die Grafik lieferte er oft als Beigabe, als Schmuck, als Illustration zu seinen Büchern; sie half, sein Wort sinnfällig zu machen. Die Malerei dagegen blieb der Öffentlichkeit bis heute nahezu unbekannt. Obwohl sie Kunert seit Jahrzehnten als Liebhaberei betreibt, verdient sie nicht nur die Aufmerksamkeit von Liebhabern. Dichter und Maler Kunert entsprechen einander durch die Kongruenz von Sprache und Farbe. Klarheit, Kraft und Präzision des Wortes sind vergleichbar mit der Klarheit, Kraft und Genauigkeit von Farben und Konturen. Doch wie der Schriftsteller gebraucht der Maler die Klarheit der Formen oft zu einer allegorischen oder parabolischen Aussage. Historische oder durch Dichtung überlieferte Stoffe werden auf Analogien zur Gegenwart geprüft. Dabei weiß Kunert Elemente der Komik zu erzeugen, beispielsweise indem er anachronisti-
sche Details ins Bild bringt und den Betrachter zu Assoziationen verleitet. Man erinnert sich, Napoleon war nicht der letzte Diktator, der mit seinen Armeen vor Moskau zur Umkehr gezwungen wurde. Anschauung verwandelt sich also in Deutung. Thema dieser Bilder ist immer wieder die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Dabei ironisiert Kunert in Variationen den Begriff vom starken Geschlecht des Mannes. Die Obermacht des Weiblichen wird fleischlich und zum Greifen vorgeführt. Die Fleischlichkeit des Weiblichen wird als das Naturnahe dargestellt, als Inkarnation der Sinnlichkeit, der männliche Teil ist durch die Einflüsse der Zivilisation gefährdet; die Blässe des Gedankens hat ihn geschwächt, sein sinnliches Idealbild muß er sich als „Auferstehung" aus der Flasche träumen, hinter dem Fenster lugt er hervor auf die beziehungsreiche Gruppe von Hahn (nicht Schwan) und Frau, das Urteil mit dem Apfel ist ein Akt der Qual, geboren aus Inferiorität. Günter Kunert ist Moralist. Kunst und Moral sind für ihn untrennbare Begriffe. Aber seine Kunstauffassung schließt die ironische und satirische Übertreibung ein. Auch in den Selbstdarstellungen („South Padre Island", „Venedig") bleibt er folglich bei diesem Prinzip. Mit ironischer Distanz wird ein Mann gezeigt, fünfzigjährig, schmächtig, haarlos, mit traurig hängendem Seehundsbart und prüfendem Gesichtsausdruck voll kritischer Sympathie, an der Seite die Frau als freundliche Begleiterin und Stütze, übertrieben großhändig beide; er macht vor dem Hintergrund venezianischer Baukunst das Angebot, die Taube fliegen zu lassen.