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Blick auf Wien vom Oberen Belvedere
Wien ist eine gewachsene Stadt. Sie verdankt ihre Entstehung und Entwicklung nicht dem Willensakt einer Macht oder eines Fürsten, der hier eine Festung anlegen oder auch nur eine Stätte ewigen Gedächtnisses schaffen wollte, wie etwa der römische Kaiser Hadrian in Antinoupolis oder Aenea Sylvio Piccolomini in Pienza, sondern der geographischen Lage und dem Boden. Naturgegebene Verkehrszonen, die nach den vier Himmelsrichtungen ausstrahlen, kreuzen sich im Großraum von Wien, welcher daher zur Entstehung einer Handelssiedlung prädestiniert war.
Der Einwand, daß sich der älteste Teil der Inneren Stadt erwiesenermaßen über dem römischen Lager erhebt und dieses bewußt als Festung geplant worden war, gilt nicht, weil wir den Großraum meinen, der schon früh das Ausmaß der heutigen Stadt hatte, wie dies das Wahrzeichen der Spinnerin am Kreuz zeigt. Diese filigrane turmartige Denksäule, die vom Wiener Stadtrat bestellt worden ist, hängt mit dem Namen des heiligen Crispin zusammen. Er galt im Mittelalter auch als Patron der städtischen Bannmeile, die sich also bereits im 15. Jh. bis auf die Höhe des Wienerberges erstreckte. In dem weiten Gebiet, dessen Boden durch die Bautätigkeit noch nicht so durchwühlt ist wie die Erde des Stadtkernes, konnten Siedlungen aus prähistorischer Zeit festgestellt werden. Sie lassen auf verschiedene Völker schließen, die hier einander ablösten oder wenigstens durch ihren Einfluß die Erzeugnisse der Bewohner veränderten.
So war das Land nicht öd, als um das Jahr 15 v.Chr. die Römer Noricum besetzten und bis an die Donau vordrangen. Nach dem Plan des Kaisers Augustus sollte der Limes bis zur Elbe verlegt werden; deshalb wurde als Schutz für den wichtigen Handelsweg aus dem Norden und zur Sicherung der Flanke um 15 n.Chr. nur in Carnuntum ein Lager errichtet. In Wien war im letzten Viertel des I.Jhs. zur Verstärkung eine ,,ala" britischer Reiter stationiert. Als dann am Ende des I.Jhs. das Gebiet gegen die Markomannen und Quaden besser gesichert werden mußte, wurde eine von Natur aus durch die Gräben von Wasserläufen (nördlich die Donau, westlich der Ottakringer Bach = Tiefer Graben,