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SCHEUE, GELIEBTE LANDSCHAFT' K lein ganzes Wesen gerät in Andacht, wenn ich an einige Augenblicke meiner Jugend denke: ein stürmischer, berauschender Herbstwind, der Himmel blankgefegt, sternenklar und die Horizonte gesäumt, gesprenkelt von Lichtern. Das Wort Licht" ist nicht sonderlich glücklich; es läßt nur an Helligkeit denken und verrät nichts von dem Maß an Hoffenskraft, Zartheit und Mannigfalt, das diesen Lichtern der Jugend eigen war. Manche blitzten kalt und klar, manche züngelten rot, wieder andere ergossen sich in glühenden Kaskaden und zerstoben. Hoch über allem der Mond. Es sei gestattet, dieses schwärmerische Gestirn zu berufen, obschon sein Name genügt, jenen hierzulande geübten Ehrenkodex zu verletzen, den man Tatsachensinn nennt. Über dem von den Feuern der Industriewerke gesäumten Horizont also das Gestirn der Scheue, der Zurückhaltung, der Einsamkeit! Gibt es ein anschaulicheres Bild, um das Wesen dieses Landes verständlich zu machen, dessen Herz glühend ist und dessen von Anstrengung und Erschöpfung gezeichnetes Antlitz stets eine Rune von Scheu zeigt, wenigstens dort, wo es schön ist? In der Tat finden sich wenige Landschaften von einer solchen muß gesprochen werden, wenngleich es sich beim Ruhrgebiet im Grunde um eine Stadtschaft" handelt in der Tat finden sich wenige Landschaften, die sich so ungern preisgeben wie das Revier. Man könnte denken, die ihm unaufhaltsam widerfahrene Vergewaltigung habe es zur Vorsicht veranlaßt. Aber das ist der Grund nicht. Die Scheue, die Verhaltenheit macht einen ursprünglichen Teil seiner von einer gewissen Tristesse gezeichneten Natur aus, in deren Frühling, Sommer, Herbst und Winter gleicherweise das Schwärzliche von Erle und Eiche weht, Bäumen übrigens, die zu den Lieblingen des immer mächtigen Windes zählen, der gern in ihrem Gezweig musiziert. Das schwarze Fachwerk der alten Bauernhäuser und Kotten, die man zuweilen noch sieht, wiederholt den sonoren Farbakzent. Wo aber bleiben die Parks, die mächtigen, sich immer mehr verbreiternden Lungen der Städte, allen voran die Gruga von Essen? wird jemand einwerfen. Nun, es ist hier nicht um die Phantasie der Gärtner und ihre Arsenale von Torf, Humus und Gewächshäusern zu tun, sondern tun das Dauernde, um die noch nicht zu einem Mittel der Illusion gewordene, undomesti-zierte Natur, wie zernarbt sie auch sein mag.Wer eine Karte aus der Zeit vor hundert, hundertfünfzig Jahren betrachtet, kommt in Versuchung, sich die Augen zu reiben. Wie? Namen von Städten und Orten, die es zu Weltruhm gebracht haben, existierten noch gar nicht? Andere, längst vergessene, stolzieren pompös als Träger weltlicher oder klerikaler Würden einher? Das ist nun so. Herrensitze, Schlösser, Burgen gibt es übrigens noch genug. Fährt man beispielsweise durch Buer, wo es am schönsten ist, sieht man ein Schild nach rechts weisen: Haus Berge. Für Gladbeck, Oberhausen und andere gilt ähnliches. Sie haben ihr Haus", einen Adelssitz der Vergangenheit, der meist eine Wasserburg ist. Essen besitzt Borbeck und Kettwig das Schloß Hugenpoet, beliebtes Ausflugsziel der Städter. Freilich, das Wort Besitz ist bestreitbar; es handelt sich, was die Tradition anlangt, oft um eine Verbindung aus jüngerer Zeit, so, wie Dortmund zeitweilig das weit nördlich gelegene Schloß Cappenberg, den Alterssitz des Freiherrn vom Stein, dazu benutzte, seine Kunstsammlungen unterzubringen. Oder wie Bochum das kleine, entzückende Nest Blankenstein samt der Burgruine hoch über der Ruhr durch den Schienenstrang einer Straßenbahn an sich knüpfte. Drei Flüsse sind es, die dem Revier das Gepräge geben: Ruhr, Emscher und Lippe. Dem mittleren, früher Lebensader eines urtümlichen, von Wildpferden behausten Bruchgebietes, fiel das Los zu, als Abwasser der Industrie dahinzusiechen. Ruhr und Lippe hingegen vermochten sich mit einigem Geschick zu salvieren. Berge und Forste im Umkreis ihrer Ufer sind von erstaunlicher Ausdehnung, Unberührtheit und Einsamkeit. Vor einigen Jahren kam die Geschichte eines Mannes auf, der im ersten Weltkrieg in die Wälder hart nördlich des Industriegebietes ging, um nicht Soldat werden zu müssen. Nur einige verschwiegene