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Adolf Muschg
Die Schweiz: Innen- und Außenansicht
Die Schweiz - Innenansicht und Außenansicht: wir reden also nicht von Tatsachen, sondern von Bildern, die den Tatsachen aufgesetzt werden und durch sie gedeckt sein können oder nicht; die Tatsachen gleichzeitig vermitteln und verdunkeln. Jedenfalls führen sie ein Eigenleben, dessen Dynamik nicht zusammenfällt, also nicht zu verwechseln ist mit unserer wirklichen Geschichte, auch wenn sie auf diese Geschichte zurückwirkt und neue Tatsachen schafft: Denn auch unser Bewußtsein ist natürlich eine geschichtliche Kraft.
Wir müssen uns mit Bildern über uns und andere verständigen, denn wir verständigen uns mit Zeichen, und Bilder sind nichts anderes als zusammenhängende Zeichensysteme. Aber ob aus der Verständigung so etwas wie Verständnis wird, hängt davon ab, ob wir das System dann wieder öffnen, ob wir zulassen können, daß die Bilder ihre Schärfe verlieren und die Zeichen mehrdeutig werden - also dem Bezeichneten, als einem Lebendigen, adäquat.
Ansichten über die Schweiz auszutauschen, wird demnach immer zweierlei heißen müssen: erstens wahrnehmen, wie die Bilder zustande kommen, wozu sie gebraucht werden, auf welche Züge sie unsere Identität festlegen - und zweitens: zusehen, was gegen diese Identifikation spricht, wie wir der Festlegung durch die Ansicht entgehen.
Und wenn wir von unserer Schweiz und der Schweiz der andern reden, ist zum vornherein die Erinnerung angebracht, daß wir es nicht mit zwei unvermittelten Größen, sondern einer dialektischen Einheit zu tun haben, einem Prozeß, der über Rückkoppe-lungs-Effekte fortschreitet.
Goethe hätte von «schaffenden Spiegeln» gesprochen: Das Selbstbild produziert sein Gegenbild, aber es geht auch wieder aus dem Gegenbild hervor.
Psychologen nennen diesen Vorgang Übertragung: Das Bild eigener Wünsche und Ängste legt sich auf die Erscheinung des andern. Solange die Beteiligten leben und sich bewegen, tut es dies freilich nie ungestört, um so weniger, je näher uns der andere steht. Zwischen Nachbarn ist dieses Projektionsverhältnis immer empfindlich: Jede reale Erfahrung stört das Bild, das wir uns vom andern machen; anderseits irritiert uns diese Störung, denn gerade von ihm wollen wir uns ja abgrenzen, um unser Selbstbild zu behaupten. Peter Bichsei hat kürzlich in einem kleinen Essay die Deutschen als «die besten Schweizer» bezeichnet: wir heften ihnen, von der Schulmeisterlichkeit bis zur Pedanterie, gerade die Eigenschaften an, die wir uns selber ungern nachsagen lassen.
Als Objekt dieser Projektionswirtschaft befindet sich die Schweiz allerdings in einer ganz besonderen Lage. Sie hat den «andern» nämlich seit Jahrhunderten nicht als verdunkelte, sondern als helle Folie ihrer Selbstinterpretation gedient. Sie haben sich ihre Schweiz zurechtgemacht - nicht immer dieselbe, aber fast immer eine stark verklärte -