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Leipziger Demontagebuch [antikvár]

 
Wolfgang SchneiderOktoberrevolution 1989Auf den Straßen von Leipzig begann im Vorfeld des vierzigsten Jahrestages der Gründung der DDR jener demokratische Aufbruch, der als Oktoberrevolution 1989 in die Geschichtsbücher eingehen wird und seine welthistorische Einmaligkeit aus dem Umstand gewinnt, daß unorganisierte Volksmassen in führerloser Spontaneität gegen ein von ihnen vermeintlich getragenes gesellschaftliches System aufstanden. Der Straßenring um die Innenstadt wurde mit seinen von Montag zuMontag lawinenartig anwachsenden...
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Wolfgang SchneiderOktoberrevolution 1989Auf den Straßen von Leipzig begann im Vorfeld des vierzigsten Jahrestages der Gründung der DDR jener demokratische Aufbruch, der als Oktoberrevolution 1989 in die Geschichtsbücher eingehen wird und seine welthistorische Einmaligkeit aus dem Umstand gewinnt, daß unorganisierte Volksmassen in führerloser Spontaneität gegen ein von ihnen vermeintlich getragenes gesellschaftliches System aufstanden. Der Straßenring um die Innenstadt wurde mit seinen von Montag zuMontag lawinenartig anwachsenden Demonstrationszügen zum Symbol eines kämpferisch ver-fochtenen Erneuerungsgedankens, der mehr und mehr auf das ganze Land ausstrahlte. Es war ein faszinierender Prozeß, der mit der hundertstimmigen Forderung > Wir wollen raus! < erstmals öfTent-lich wurde, mit dem tausend-, ja zehnlausendfachen Ruf >Wir bleiben hier!< in eine neue Qualität und Quantität umschlug und schließlich mit dem Chor der Hunderttausende >Wir sind das Volk!< Machtanspruch von jener Führungsschicht einklagte, die sich als schlechter Verwalter des antifaschistisch-demokratischen Erbes erwiesen hatte. Warum gerade Leipzig - in der bisherigen Revolutionsgeschichte keine nennenswerte Rolle spielend - bei diesem Umbruch im wahrsten Sinne des Wortes Schrittmacherfunktion übernahm, kann mit einer Vielzahl von Einzelgründen zu erklären versucht werden. An erster Stelle wären da wohl jene traurigen Spitzenpositionen zu nennen, die Leipzig unter allen Großstädten der DDR als die mit der morbidesten technischen Infrastruktur, der höchsten Umweltbelastung und den kompliziertesten Verkehrsbedingungen einnimmt. Hinzu kommen der katastrophale Verfall der Altbausubstanz, eine deprimierende Ver-sorgungslage und ein vor dem eigenen Kollaps stehendes Gesund-heits-und Sozialwesen. Auch jener zornig machende Widerspruch zwischen dem zweimal im Jahr erlebbaren Fluidum der Weltoffenheit und der dann wieder einkehrenden Tristesse des Alltags darf hier nicht unerwähnt bleiben, zumal sich seit längerem Gerüchte verdichteten, daß Leipzig sogar noch seines internationalen Messestatus verlustig gehen könnte. Und dann schließlich immer wieder der zähneknirschende Vergleich mit dem >preußischen< Berlin, das sich nicht zuletzt auf Kosten der zur Provinz degradierten zweitgrößten Stadt des Landes als Machtzentrum des sogenannten real existierenden Sozialismus aufblähte. > Sachsen war einst ein blühendes Land!< lautete eine der bitteren Losungen Leipziger Montagsdemos Es gäbe noch zahlreiche weitere Gründe anzuführen, bis hin zur >demofreundlichen< Stadtanlage mit einem für Kundgebungen geradezu geschafTenen zentralen Platz im Verbund mit einem sechs-spurigen Straßenring. Die Summierung all dieser Gegebenheiten könnte schon eine einleuchtende Antwort auf die eingangs gestellte Frage sein, warum gerade von Leipzig die entscheidenden Impulse für die friedliche Revolution ausgingen. Und doch fehlt demChronisten noch ein letzter Zipfel zur endgültigen Schlüssigkeit, bleibt eine sich jeder rationalen Betrachtung entziehende Grauzone, wie sie vielen geschichtlichen Höhepunkten immanent ist. Nicht nur Historiker werden sich in den kommenden Jahren damit zu beschäftigen haben. -Am 12. September 1989 wurde dem Leipziger Alten Rathaus im Zuge umfassender Restaurierung seine Turmbekrönung wiedergegeben: Wetterfahne und Kugel, letztere neben vorgefundenen Dokumenten aus den Jahren 1557, 1907 und 1947 auch aktuelle Informationen in Gestalt von Presseorganen nämlichen Tages in sich bergend, darunter die >Leipziger Volkszeitung< mit folgender Meldung auf der Lokalseite: >ln den gestrigen Abendstunden versammelten sich in der Leipziger Innenstadt mehrere Personengruppen, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu stören. Den AutTorderungen der DVP [Deutsche Volkspolizei] zur Auflösung wurde zum Teil nicht Folge geleistet. Die rechtswidrige Zusammenrottung wurde aufgelöst. Es waren Zuführungen erforderlich. Die rechtlichcn Konsequenzen werden geprüft.< Der Turmknauf des Alten Rathauses hat Sichtkontakt zu jenem gerade ebenfalls erneuerten der

Termékadatok

Cím: Leipziger Demontagebuch [antikvár]
Kiadó: Gustav Kiepenheuer Verlag
Kötés: Ragasztott kemény papírkötés
ISBN: 3378005831
Méret: 290 mm x 200 mm
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