Bővebb ismertető
VORWORT Kassel ist eine Stadt der Gegensatze. Als einzige GroBstadt Nordhessens ist sie die Metropole dieser Region. Für viele Einwohner und Besucher ist sie aber die liebenswerte Provinz mit dem landlichen Charakter geblieben. Einmal in fünf Jahren strahlt Kassels Berühmtheit jedoch weit iiber die regionalen Grenzen hinaus, námlich dann, wenn die weltgröBte Ausstellung modemer Kunst, die documenta", das Stadtbild einen Sommer lang prágt. Hunderttausende Besucher aller Nationalitaten sind in diesen 100 Tagén in Kassel zu Gast. In den Jahren bis zur náchsten Kunstausstellung ist die Kultur in Kassel jedoch weniger spektakulár. Deshalb gilt Kassel auch noch nicht als Kulturmetropole. Das liegt natiirlich auch an den Einwohnern der Stadt selbst. Als ehemalige Residenzstádter steckt ihnen die Gemütlichkeit der Staatsbeamten noch ein wenig im Blut, sie sind Neuem gegenüber zurückhaltend und waiten lieber erst einmal ab. An die Anfang der 70er Jahre neu gegründete Gesamthochschule mit ihren mittlerweile 10000 Studenten habén sich die Kasselaner und Kasseler dagegen bereits gewöhnt - ja, sie sind sogar stolz auf ihre Universitát. Die Studenten habén einen ganzen Stadtteil gepragt. Die reprásentativen Jugendstilhauser im Vorderen Westen bieten mit ihren groBen, ehemaligen Beamtenwohnungen ein ideales Quartier für Wohngemeinschaften. Hier ist in den Jahren ein Stück altemative Kultur gewachsen, die in ihrer Vielfalt nicht selten auf die übrige Stadt ausgestrahlt und Impulse gegeben hat. Um das neue Universitátsgebaude am Hollandischen Platz, auf dem Betriebsgelánde der Firma Henschel, entwickelte sich mittlerweile ebenfalls studentisches Leben. In diesem Bereich des Kasseler Nordens leben vorwiegend Bürger auslándischer Herkunft, und gemeinsam mit den Studenten und den Alteingesessenen vermittelt sich dort ein multikulturelles Stadtbild wie in keinem anderen Kasseler Stadtteil. Voller Gegensatze ist Kassel in stádtebaulicher und architektonischer Hinsicht. Auf einer Gesamtfláche von 107 qkm breitet sich Kassel - von oben betrachtet - durchaus groBstádtisch im Kasseler Becken aus. Umgeben von groBen Wald- und Parkflachen und auch innerorts mit beachtlichen Grünfláchen ausgestattet, hat Kassel an Naherholungsmöglichkeiten den meisten GroBstadten einiges voraus. Die bedeutendsten Parkanlagen verdankt Kassel dem Umstand, bis 1866 Residenzstadt der Landgrafen und Kurfürsten von Hessen-Kassel gewesen zu sein. Aus dieser Zeit stammen auch die vereinzelten Baudenkmáler, die in ihrer Pracht die friihere Bedeutung Kassels und den Geist der Zeit erahnen lassen. Heute sind sie gröBtenteils zu reich ausgestatteten Museen umgestaltet und gemeinsam mit den Parks Aushángeschilder für den Fremdenverkehr. Im scharfen Kontrast zu den architektonischen Denkmalern der ehemaligen Residenz steht die Innenstadtbebauung der Nachkriegsjahre. Nachdem in der Nacht vom 22. zum 23. Október 1943 englische Bomber die für die deutsche Rüstungsproduktion wichtige Stadt in nur wenigen Minuten in ein Trümmerfeld verwandelt hatten, wurde nach 1945 eine vollstandige stadtebauliche Neukonzeption notwendig. Drei Viertel der Wohnbebauung und zwei Drittel der Industrieanlagen waren restlos zerstört worden. Von der historischen Altstadt mit ihren verwinkelten GáBchen blieb nur die Erinnerung. An ihrer Stelle und in den zahllosen Baulücken" des übrigen Stadtgebiets entstanden Háuser, Gebáudekomplexe und ganze StraBenzüge, die vom planerischen Denken der 50er Jahre gepragt waren. Was in diesen Jahren für die Bundesrepublik Deutschland Modellcharakter hatte, ist heute umstritten, und so vereinigt Kassel Altes und Neues auf durchaus widersprüchliche Art und Weise. Die entscheidenden Ursachen für den Bedeutungsverlust Kassels liegen jedoch in der Regierungszeit der letzten Kurfürsten. Ihrer Politik ist es zu verdanken", daB die Residenzstadt bis zur preuBischen Annexion Kurhessens 1866 weitestgehend frei von groBen Industrieansiedlungen blieb. Die ehemals auch wirtschaftlich bliihende Residenz mit ihren bedeutenden Manufakturen verpaBte so den rechtzeitigen AnschluB an die Industrialisierung. Hanau, im Süden des Kurfürstentums Hessen, und das selbstándige Frankfurt entwickelten sich zu aufstrebenden Industriestadten und begründeten bereits zu dieser Zeit die wirtschaftliche Überlegenheit Südhessens gegenüber der nordhessischen Region. Die Schönheit der umgebenden Landschaft, die groBartigen Parks und Freizeitanlagen und nicht zuletzt die sehr gut ausgestatteten Museen sind für Kassel und seine Bewohner aber mehr als nur eine Entschadigung für die wirtschaftlichen Nachteile dieser Stadt; sie bestimmen letztendiich die Lebensqualitát und lassen die Einwohner berechtigterweise stolz auf ihr Kassel sein.