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Hinter uralte lebende Mauern aus Hainbuche ducken sich am Hohen Venn Haus und Hof. Sie suchen Schutz vor schneidender Kälte, peitschendem Regen und wirbelndem Flockentanz, die mit den Stürmen von Herbst und Winter über das Land von Eifel und Ardennen gehen. Sie haben diese Stürme überdauert wie die Stürme der Geschichte, die in großer Zahl gerade dieses Grenzland zwischen Rhein und Maas heimgesucht haben.Zwei steinerne Monumente schlagen eine Brücke von Strom zu Strom, Gebilde von Menschenhand das eine, Laune der Natur das andere: die efeuumrankten Burgreste des Rolandsbogens im Blickfeld von Remagen mit jener Brücke, die in einer Weltminute Weltgeschichte machte, und der Bayard-Felsen im belgischen Dinant am Treffpunkt der Wasser aus Lothringen und Ardennen. Die Sage von den Haimonskindern verknüpft beide.Haimon, Graf von Dordogne, so weiß es der Volksmund, war einer Schwester Karls des Großen vermählt, lebte aber im Zwist mit dem Kaiser. Bei der Krönung von Karls Sohn Ludwig in Paris sollte der Hader begraben werden; also machte sich Haimon mit seiner Gattin und den vier Söhnen Richard, Guichard, Allard und Reinault, dem Haimon das mächtige Pferd Bayard geschenkt hatte, auf den Weg. Doch das Treffen brachte neuen Verdruß: Reinault erschlug Ludwig im Streit. Im Kampf mit Karls rachedurstigen Vasallen verloren drei der Haimons-Söhne ihre Pferde, doch auf dem Rücken des unvergleichlichen Bayard gelang allen die Flucht. Karl setzte die Eltern gefangen und preßte ihnen das Gelöbnis ab, die Söhne auszuliefern. Doch die, wohl ahnend, was sie erwarte, flohen weiter zum Maurenkönig Saforeth, der sie in seinem spanischen Reich aufnahm. Ihre treuen Dienste vergalt ihnen der neue Lehnsherr freilich schlecht; ob er nun um Freundschaft mit Karl buhlen wollte oder begehrlich nach den Schätzen seiner fränkischen Gäste schielte - er sann darauf, sie auszuliefern. Da erschlug Reinault auch Saforeth, und wieder mußte der treue Bayard die vier Brüder in Eile davontragen. Neue Zuflucht fand sich bei Ivo von Tarragonien, der den Haimons-Söhnen Land und dem kühnsten der Brüder, Reinault, die Hand seiner Tochter schenkte. Doch Karls rächender Arm reichte weit: Bald erscholl der Waffenlärm seines Kriegsvolks vor den Mauern der Burg Montalban, die sich die Flüchtlinge in unwirtlicher Gegend aufgetürmt hatten. Und Übergabe forderte gebieterisch, vielleicht machtvoll auf dem Horn Olifant blasend, der treueste Paladin des großen Kaisers: Roland, jener Roland vom Rhein, dessen Schicksal selbst zur Sagenerzählung werden sollte: der vermeintliche Tod bei Ronceval, die Heimkehr zur Rolandsburg und die verzehrende Trauer um die Braut, das Töchterlein des Drachenfelser Grafen, das auf die falsche Todesnachricht den Schleier nimmt und auf der nahen Klosterinsel dem Helden so nahe und doch so unerreichbar ist.Doch die Haimons-Sage selbst spinnt sich noch lange fort. Auch vor Roland rettete Bayard die Brüder, die in Pilgergewändern die väterliche Stammburg erreichten, aber entschieden das Ansinnen des Hausherrn zurückwiesen, sich Karl auf Gnade oder Ungnade auszuliefern. Erneut trug Bayard sie davon - in den tiefen Wäldern der Ardennen hofften sie Ruhe und Frieden zu finden. Die Mutter indes machte sich auf zum kaiserlichen Bruder, der Vergebung versprach, aber auch eine Bedingung stellte: Bayard, das Wunderpferd, müsse ihm als Sühne übergeben werden. Der Pakt wurde geschlossen und gehalten, doch die Haimons-Kinder mußten mit ansehen, wie Karl dasedle Tier hinschlachten ließ. Da legte Reinault das Gelübde ab, nie mehr ein Pferd zu besteigen und nie mehr das Schwert zu führen. Als Eremit, der bald Im Rufe tiefer Frömmigkeit stand, zog er sich in die Einsamkeit der Ardennen zurück, bis ihm ein Engel erschien, der ihm den Zug ins Heilige Land befahl. Seinem Gelübde getreu, zog Reinault mit Esel und Stecken aus, verrichtete noch einmal kühne Heldentaten an den frühen Stätten der Christenheit und ging, wohlbehalten heimgekehrt, nach Köln, um dort ein mildtätiges Leben zu führen. Als dort mit dem Bau einer neuen Domkirche begonnen wurde, verdingte er sich als einfacher Handlanger, der wegen seiner ungeheuren Kraft bald den Neid der anderen Arbeiter weckte und deshalb meuchlings erschlagen wurde. Sein Leichnam, mit Steinen beschwert in einen Sack gesteckt, wurde in den Rhein geworfen. Doch der Strom gab ihn frei, und zur Stunde begannen alle Kölner Glocken zu läuten und hörten nicht auf, solange der Tote am Ufer lag. Unter der armseligen Kleidung fand sich schließlich ein wertvoller Gürtel mit der Inschrift Reinault, Herzog von Montalban. Die Kunde vom Leben und Sterben des Haimons-Sohnes, von seinem Heldentum und seinen Wundertaten trugen die Sänger weithin durch die Lande. Sie gelangte auch nach Dortmund, das eben eine neue Hauptkirche erbaute. Da schickten die Bürger nach Köln, eine Reliquie für das Gotteshaus zu erbitten, und die Kölner, an Reliquien nicht eben arm, schenkten ihnen den Leib Reinaults. Die Kirche, in der er zur letzten Ruhe fand, trägt seinen Namen: Reinoldi-Kirche.In der Sage lebt er wie sein Geschlecht und sein Wunderpferd fort, und der Volksmund hat ihm naturgeschaffene Denkmäler erwählt: den Rocher Bayard bei Dinant, eine steilaufragende Kalkformation, in der mit wenig Phantasie die Umrisse von vier Reitern auf massigem Pferderücken zu erblicken sind, oder den Pas de Bayard, eine Steinplatte im belgischen Venn mit einer Vertiefung, die den Sagenerzählern als Hufabdruck des wunderstarken Rosses gilt.