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BERLIN REVIVAL
Keine andere deutsche Stadt ist in den letzten fünfzig Jahren so sehr den Stürmen der Geschichte ausgesetzt gewesen wie Berlin. Daß ihre Bewohner sie nicht aufgegeben haben, sondern trotzig und gegen alle Unbill in ihr ausharrten, macht deren Charakter deutlich. Tatsächlich gab es ja nach Kriegsende Überlegungen, die Stadt sich selber und den Russen zu überlassen, um sie unter gleichem Namen in der Lüneburger Heide neu aufzubauen. Ein Einfall, der uns heute grotesk anmutet. Freilich: Die Berliner, ausgestattet nicht nur mit »goldenem Herzen und eiserner Schnauze«, sondern auch mit enormer Zähigkeit und Standfestigkeit, hätten sich wohl kaum umsiedeln lassen. Und: Lüneburger Heide? »Nischt wie Jejend!« - so hätte der lunzugsunwillige Berliner die Fremde, die ihm fremde Landschaft abgelehnt.
Berlin ist aber - wider Erwarten - »auferstanden aus Ruinen«, wie es in der Nationalhymne der ehemaligen DDR heißt, auch wenn starke machtpolitische Interessen bestanden, solche »Wiederauferstehung« zu verhindern oder doch zumindest in Grenzen zu halten - in faktisch greifbaren Grenzen sogar. Doch diese Millionenstadt auf den Status eines Provinznestes zu fixieren, sie durch Halbierung um ihre historische Bedeutung zu bringen, ist am Ende mißlungen.
Wenn man heute den Berliner fragen würde, was wohl für ihn die wichtigsten Nachkriegsereignisse seien, dann bezöge sich seine Antwort höchstwahrscheinlich auf zwei Ereignisse: den Bau der Mauer und den Fall der Mauer. Und beide Male reichte ein kleines Wort als Kommentar aus: Wahnsinn! 1961 meinte das ein schmerzliches Unverständnis, eine verneinende Ablehnung, und damit ein Urteil über die Erbauer; 1990 hingegen den Ausdruck von ungläubigem Staunen, von freudiger Verblüffung, ein Artikulationsmangel für den unerwarteten Schock: eben »Wahnsinn!«
Neunundzwanzig lange Jahre waren die Teile getrennt und jeweils mit anderen Bezeichnungen versehen: »Haupt-
stadt der Deutschen Demokratischen Republik« auf der einen Seite, auf der anderen Seite »Berlin (West)«. So sollte es nach dem Willen der »verdorbenen Greise« in Ostberlin, wie Wolf Biermann sie nannte, die nächsten fünfzig bis hundert Jahre auch bleiben. Dahinter verbarg sich die irrwitzige Hoffnung auf den Stillstand von Geschichte und darauf, die Menschen der Stadt würden sich auf Dauer der Trennung fügen und einander vergessen. Das Gegenteil trat ein. Nicht allein die gemeinsame Vergangenheit band die Berliner in Ost und West aneinander, es war vielmehr gerade jener unsägliche Zustand, der die völlige Gewöhnung ausschloß. Das Eingesperrtsein der Ostberliner gemahnte sie ständig an die Existenz des anderen Teiles, während die Westberliner, obschon sie ja reisen konnten, wohin sie wollten, durch ihre geographische Lage inmitten der DDR stets an die Unnormalität ihrer städtischen Existenz erinnert wurden. Und da, wo Osder und Westler zusammenkamen, zusammenkommen durften, verdeckte der »Wahnsinn« ihrer Situation alles Gegensätzliche zwischen ihnen, das nun nach dem Fall der Mauer erst zutagetritt.
Berlin war durch die Spaltung der Welt, durch den »Kalten Krieg« an den Rand der globalen Entwicklung gerückt worden. Ost- wie Westhälfte wurden zu Ausflugszielen degradiert, zu Subventions- und Repräsentationsstätten. Man wollte der jeweils anderen Seite zeigen, wessen man fähig sei. Darum kreiste wohl alles Denken der politisch Verantwortlichen, indessen die Menschen selber ihren Alltag diesseits und jenseits der Absperrung zu bewältigen hatten, jenes Bauwerk vor Augen, das heuchlerisch »Antifaschistischer Schutzwall« genannt wurde, und von dem gegenwärtig kaum noch Spuren zu finden sind.
Daß die endgültige Gewöhnung an die Mauer nicht eintrat, lag vor allem daran, daß sie immer wieder durch Geschehnisse in das Bewußtsein der Berliner gerückt wurde. Denn immer wieder wagten es Verzweifelte, meist junge Leute, der Tristesse des sozialistischen Systems zu