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Wolfram Siebeck Ein Rezept ist kein Rezept ist kein RezeptDie Rue Christine im 6. Arrondissement von Paris hat vor vierzig Jahren kaum anders ausgesehen als heute. Nur die Fassaden der kurzen und engen Straße waren dunkler, als ich damals mit einem dicken Rosenstrauß das Haus Nummer 35 suchte. Dort wohnte Alice B. Toklas.Ihre von Gertrude Stein fingierte Autobiographie beschrieb eine Zeit und Personen, die mir näher waren und mich mehr interessierten als die soeben zu Ende gegangene Epoche des Übermenschen.Aus der Autobiographie hatte ich viel über die Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts gelernt. Die Begegnungen mit den Heroen meiner Jugend, von Picasso bis Hemingway; die Versuche, den Kubismus in Prosa zu verwandeln; der Klatsch aus dem Milieu der damaligen Avantgarde - das alles bekam durch die Steinsche Diktion die Weihen moderner Literatur. Die träge Einsilbigkeit ihrer Texte mit den penetranten Wiederholungen prägte sich ein wie ein Ohrwurm.In einer Ausstellung über Gertrude Stein und ihre Zeit hatte ich unter vielen Bildern und Dokumenten den Hinweis gelesen: CollectionMiss Toklas.Da begriff ich, daß sie noch lebte, diese Zeugin einer klassischen Epoche und Gefährtin der Schriftstellerin.Ich reagierte spontan wie jeder Fan: ich mußte sie sehen, mit ihr reden. Also stand ich an jenem sonni-gen Nachmittag vor ihrer Wohnungstür im zweiten Stock des Hauses in der Rue Christine und klingelte. Während ich wartete, hatte ich Gelegenheit, die fünf glänzend polierten Yaleschlösser in ihrer Tür zu bewundern. Vielleicht waren es auch nur drei. Jedenfalls mehr als üblich, worüber ich mich keineswegs wunderte. Denn ich wußte ja, welche Schätze an Kunstwerken und Zeugnissen sie aus ihrer Zeit in der Rue de Fleurus besaß.Da stand ich also und wartete mit meinen Rosen. Wahrscheinlich habe ich dann noch mehrmals geklingelt, jedenfalls erschien bald die Concierge. Sie schüttelte bedauernd den Kopf Nein, Madame empfinge keine Besucher ohne Anmeldung, es kämen zu viele.Ich gab ihr die Blumen, kritzelte auf einen Zettel einen freundlichen Gruß, und das war es dann.Daß zu jener Zeit ihr Kochbuch erschien, wußte ich nicht; damals interessierte ich mich noch nicht fürs Kulinarische. Frieda Patalas machte mich einige Jahre später, als die Beschafiinheit eines Gratins mir ebenso wichtig geworden war wie die Boheme vom Boulevard Montparnasse, darauf aufmerksam.Jetzt hat sie es übersetzt.Es wäre naiv, von Alice B. Toklas ein Kochbuch zu erwarten, das wie andere Kochbücher ist. Ein Rezept ist nicht einfach ein Rezept, das haben schon andere Autoren bewiesen.l7)