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VORWORT
In einer Zeit, die Goethe als volksfernen Genius hinzustellen gewohnt war, ließ Ediermann den wahren Goethe vor der "Welt erstehen, den bis ins hohe Alter rastlos Sdiaffenden, der von sidi selbst bekennt, er habe dem Volk und dessen Bildung sein ganzes Leben gewidmet.
Ediermann stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Sein "Weg begann damit, daß er dem hausierenden Vater das "Warenbündel von Dorf zu Dorf trug, nadimittags die einzige Kuh aus der elterlidien Hütte aufs Weideland trieb und dabei bis zum vierzehnten Jahre kaum lesen noch schreiben lernte, bis er, vom Wissensdurst getrieben, sich noch mit dreiundzwanzig Jahren nicht scheute, neben Fünfzehnjährigen die Sdiiulbank zu drücken und in zähem Fleiß neben seinem Schreiberberuf Latein und Griediisdi zu treiben, um sich den Zugang zur Universität zu verschaffen.
Unbeirrt und mit unverbildetem Sinn für das Einmalige und Große, voll Lernbegier und Aufgeschlossenheit sehen wir den jungen Eckermann den Goetheschen Kontinent betreten. Jedes Gespräch wird aufgerafft wie lauteres Gold, jeder Theaterbesuch ist ein erschütterndes Erlebnis, jedes Buch aus Goethes Hand wird verschlungen. „Was an anders kultivierten und anders gewöhnten Personen gleichgültig vorübergeht, ist bei mir im höchsten Grade wirksam", sagt Eckermann zu Goethe, „meine früheren Lebenszustände waren der Art, daß es mir ist, als hätte ich erst seit der kurzen Zeit zu leben angefangen, die ich in Ihrer Nähe bin." — Nie hat Ediermann die ehrfürchtige Demut, aber auch niciit die Unsicherheit und Scheu des aus „niederem Stande Hinaufgerückten" verloren. Ganz wohl fühlt er sich nur, wenn er Goethe allein gegenübersitzt. Er meidet Abend- und Teegesell-schaflen, um ins Theater zu flüchten, und statt an Ottiliens Geburtstagsfeier teilzunehmen, zieht er es vor, in freier Natur umherzuschweifen. Man findet sein Verhalten oft rätselhaft und wunderlich. Ein großer Teil von Goethes Freunden sieht in dem zaghaften, reser-